Kurt-Schwitters-Preis der Niedersächsischen Sparkassenstiftung
Die Preisträger
Preisträger 2009: Tacita Dean, Großbritannien
Tacita Dean (geb. 1965 in Canterbury) ist eine international renommierte Künstlerin und Mitglied der Akademie der Künste in Berlin. Von 1985 bis 1988 studierte sie an der Falmouth School of Art in Cornwall. Danach folgte ein einjähriger Aufenthalt an der Supreme School of Fine Art in Athen, bevor sie 1992 an der Slade School of Fine Art in London ihr Studium abschloss.
Die Britin begann ihre künstlerische Laufbahn zunächst als Malerin und arbeitet heute mit unterschiedlichen Medien, u. a. dem Film und der Photographie. Bekannt wurde sie vor allem durch ihre Filme, die sich als Referenz anderer Kunstformen – vor allem der Malerei – verstehen und etwas wiedergeben, »das weder Malerei noch Fotografie einfangen können«. Zum Repertoire von Deans Arbeit gehören aber auch Video, Klänge und Objekte. Mit dieser Vielfältigkeit bewegt sich ihr Werk gekonnt zwischen Fakt und Fiktion und interpretiert die Beziehung von Geschichte und Gegenwart auf neue Weise.
Preisträger 2006: Rodney Graham, Kanada
Der Künstler Rodney Graham (geb. 1949 in Vancouver) arbeitet mit einer ungewöhnlichen Vielfalt von künstlerischen Medien wie Skulptur, Malerei, Film, Fotografie, Installation oder Musik. Seine frühesten Arbeiten entstanden Ende der 1960er Jahre während seines Studiums an der University of British Columbia in Vancouver im Umfeld der so genannten konzeptuellen Vancouverschule.
Ähnlich wie der Namensgeber des Kurt-Schwitters-Preises, der mit seiner Merz-Kunst »zwischen allen Dingen der Welt Beziehungen schaffen« wollte, stellt auch Rodney Graham in seinem Werk eine Vielzahl von Bezügen zur Geschichte der Literatur, des Films oder der Musik her. Zu den kulturgeschichtlichen Quellen seiner Inspiration zählt der Schauspieler Cary Grant ebenso wie der Komponist Richard Wagner, der Psychoanalytiker Sigmund Freud oder Kurt Cobain, der Leadsänger der Band Nirvana.
Einer breiten internationalen Öffentlichkeit bekannt wurde Rodney Graham mit seinem neunminütigen Farbfilm »Vexation Island«, den er 1997 für den kanadischen Pavillon auf der Biennale in Venedig drehte. Der als Loop präsentierte Kostümfilm, in dem Graham selber einen Schiffbrüchigen spielt, der von einer Kokosnuss getroffen wird, ist wie die meisten Werke des Künstlers von Witz und poetischer Ironie geprägt.
Preisträger 2004: Joep Van Lieshout (AVL), Rotterdam
Joep Van Lieshout, 1963 in Ravenstein / Niederlande geboren, hat als Bildhauer zunächst surreale, dann metallene Objekte geschaffen. Werke, über die Rudi Fuchs schreibt, dass es sich dabei um »sanfte Metamorphosen alltäglicher Gebrauchsgegenstände und Möbel« handelt. Lieshout findet von da zur Akkumulation gefundener Gegenstände und zur Prototypkreation industrieller Standardformen. Seit 1995 signiert er als Atelier Van Lieshout (AVL) und errichtet mit seinen Mitarbeitern die AVL-Ville, das Ateliergelände, das im Hafen von Rotterdam zum Freistaat mit eigener Verfassung, Währung und Flagge deklariert wird. Es umfasst eine Siedlung aus Schiffscontainern und den eigenen Wohnmobilen als Produktionsstätten für Waffen, Alkohol, Medikamente, als AVL-Spital. Ferner gibt es die AVL-Akademie für Lebensführung, eine Hall of Delights für die kulinarischen Künste, die AVL-Agro, eine biologische Farm, ein AVL-Kraftwerk, AVL-Sanitär- und Wassereinigungsanlagen. Auf der Biennale 2001 in Venedig hat AVL ein Klinikschiff für die Ärztinnengruppe »Women on Waves« vorgestellt, das in internationalen Gewässern die Möglichkeit bieten soll, Abtreibungen vorzunehmen, um die Sterberate bei illegalen Abtreibungen zu senken und den Frauen die Entscheidungsfreiheit zu geben, das Kind auszutragen oder nicht.
Preisträger 2002: James Coleman, Irland
James Colemans Werk auf eine Kategorie feszulegen ist unmöglich. Coleman arbeitet, seit er sich 1970 von der Malerei abgewandt hat, mit den Medien der Reproduktion des Films, von Video, Diapositiv und Fotografie, und dem Ort der Repräsentation, dem Theater. Sie setzt er in den Dienst des Prozesses des Sehens, des interaktiven Angehens eines zu Sehenden durch Bild und Ton. Er reflektiert über das Medium, setzt es als Bildfolgen in Bewegung, die prägnant auf Zeit und Ton abgestimmt werden. Die Sujets dieser Kabinettstücke entnimmt er den Bildwelten des »High and Low«, der des Films, der Alltagskultur, früherer Kunstepochen, der Literatur, dem Theater, die er als Tableaux vivants vorführt, die durch ihre manifeste Präsenz als Paradox irritieren, als real präsentiertes Irreales. Die Narration in seinen Werken ist nicht von linearer Natur, sondern befreit die Assoziationen im Betrachter von Standbild zu Standbild mit kleinsten Veränderungen. James Colemans Kunst ist eine dem Betrachter Konzentration abfordernde. Sie ist voller Fallen: »Genieß den schönen Schein, aber er ist nicht der, für den Du ihn hälst«.
Preisträger 2000: Gary Hill, USA
Gary Hill zählt zu den bedeutendsten internationalen Medienkünstlern. Seit 1973 widmet er sich ausschließlich den Möglichkeiten des neuen Mediums Video. Die Spur seiner Tätigkeit läßt sich in zahlreichen Museen und Sammlungen in Europa und den Vereinigten Staaten verfolgen. Gary Hill hat es vermocht, dem informativen Medium Video eine eigene und unverwechselbare künstlerische Form zu geben. Er mobilisiert, als einer der ersten, das künstlerische Potential dieses Mediums und führt es gegen die Wahrnehmungsroutine des alltäglichen Gebrauchs. Seine künstlerische Sprache, die sich in Videobändern, vor allem aber in Videoinstallationen manifestiert, schildert die Wirklichkeit nicht ab, sondern läßt sie im Prozeß der Bilder allererst entstehen. Sein Oeuvre umfaßt mittlerweile einen ganzen Kosmos von Ausdrucksformen und geistigen Koordinaten. Dazu gehören poetische Texte und philosophische Positionen genauso wie Filme, Fotos, die menschliche Stimme, Geräusche oder Musik.
Preisträger 1998: Thomas Schütte, Deutschland
Thomas Schütte ist seit den frühen achtziger Jahren durch zahlreiche Ausstellungen, u.a. die documenta und die Skulptur-Projekte in Münster bekanntgeworden. Seine Arbeit bedient sich der verschiedensten Darstellungsmittel, die sich unter den Begriffen Modell und Skulptur zusammenfassen lassen. Anhand von Modellen erkundet er die beste aller möglichen Welten und formuliert zugleich seine sarkastischen Beobachtungen. Um die Kontinuität des Fragens zu gewährleisten, arbeitet Schütte deshalb immer wieder mit provisorischen Entwurfsformen – der Zeichnung, der Aquarellstudie, des Bozetto und auch der literarischen Parabel. Diese Ausdrucksformen sind figürlich, vieldeutig und spielerisch. Die Vielfältigkeit dieses Werks, der schwarze Humor und die Ironie, mit denen Schütte seiner skeptischen Sicht der Dinge Ausdruck gibt, und die Brüche, die er immer wieder in seine Arbeit einführt, verweigern sich einer bestimmten geschichtlichen Tradition, wie dies in verwandtem Sinn auch für Kurt Schwitters gilt.
Preisträger 1996: Raymond Hains, Frankreich
Noch heute wird Raymond Hains vor allem mit den »Nouveaux Realistes« und ihren Plakatabrissen assoziiert, jenem genuin französischen Beitrag zur internationalen Pop Art. Doch weist das vielschichtige Werk dieses Einzelgängers, der in vielen Medien zuhause ist, über diese historisch eng gefaßte Definition hinaus. Vielmehr dürfen wir in seinem immer wieder postulierten offenen Kunstbegriff einen wichtigen Beitrag zur Gegenwartskunst insgesamt sehen. Für Hains steht am Beginn allen künstlerischen Tuns die Frage nach dem Status des technisch reproduzierten Bildes und der Sprache. Beide durchlaufen in seinen Formulierungen einen Prozeß der Wandlung, der sie als grundsätzlich offen, jenseits ihrer tradierten, scheinbar ganz rigiden Bedeutungszusammenhänge erscheinen läßt. Angetrieben wird Hains dabei von seiner Leidenschaft für das Sammeln und freie Kombinieren des Gefundenen. Sie bildet den Leitfaden für seine frühen fotografischen Experimente, die von ihm so genannte Hypnagogoskopie, für seine populären Plakatabrisse und ebenso für die jüngeren Installationen, die auf der Vieschichtigkeit sprachlicher Assoziation beruhen. Geschichte, Politik, Literatur, Philosophie und Kunstgeschichte kommen dabei ebenso in den Blick wie Aspekte des persönlichen Lebens des Künstlers. Hains darf als Prototyp eines Künstlers gelten, der die tradierte Rolle eines Schöpfers autonomer Werke zurückläßt und dafür die anonymen gesellschaftlichen Gesten und die Zeugnisse des kollektiven Unbewußten zu seinem Material macht.
Bildnachweis:
Tacita Dean, »Painted Kotzsch Tree I«, 2008, Farbe, beschädigter August Kotzsch Albumin Abzug, 1875
© Tacita Dean
Rodney Graham, Standfoto aus dem Film »Vexation Island«, 1997
© Rodney Graham
Joep van Lieshout/AVL, »Bonnefantopia 2002«
James Coleman, »Untitled: Philippe Vacher«, 1990, 35 mm Colorfilm,
© James Coleman
Gary Hill, Remembering Paralinguay, (with Paulina Wallenberg-Olsson), 2000, single-channel video/sound installation © Courtesy Donald Young Gallery, Chicago
Thomas Schütte, o.T., 1999, 5-teilig, © VG Bild-Kunst, Bonn 2004
Raymond Hains, o.T., 1978, Plakatabriss auf Zinkblech, © VG Bild-Kunst, Bonn 2004

